Beitrag zum Programmheft des Theaters Bielefeld zur Oper Endstation Sehnsucht (A Streetcar named desire) in der Spielzeit 2023/2024
Das Wort ›Sehnsucht‹ trägt Verlangen und Schmerz in sich. Das Verlangen nach etwas Unerreichbarem und den Schmerz des Verlustes. Vielleicht auch des nie Gehabthabens. Die ›EndstationSehnsucht‹ wirft jene, die in ihr gefangen sind, zurück auf sich selbst, auf das Aushaltenmüssen und auf das Ausbleiben einer Erlösung. Wie gehören Gewalterfahrungen in der
Familie, in der Partnerschaft, und Sehnsucht zusammen? Menschen, die Gewalt erfahren, sind auf sich selbst zurückgeworfen. Sie sind erschüttert und traumatisiert. Sie befinden sich in einer permanenten Korrekturschleife, in der sie versuchen, das Erlebte mit ihrem Bild des Anderen überein zu bringen. »Viele meiner Mandantinnen berichten mir davon, dass die Beziehung mit dem späteren Gewalttäter geradezu märchenhaft begann«, schreibt Christina Clemm in ihrem Buch Gegen Frauenhass. »Ich habe ihm vertraut, dachte, endlich geht es jemandem um mich. Er hat da eine Seite in mir angeführt, die sich nach Geborgenheit und Vertrauen sehnte.« Für 2023 zählt der Lagebericht des Bundeskriminalamts
256.276 Fälle häuslicher Gewalt. 167.639 davon als Fälle von Partnerschaftsgewalt und sie richtet sich vornehmlich gegen Frauen (ca. 79% der Fälle). Die Zahl der nicht zur Anzeige gebrachten Fälle wird als weit höher eingeschätzt.
Die Analyse von Gewaltdynamiken in Partnerschaften zeigt, dass viele Fälle ein ähnliches Muster aufweisen (siehe dazu beispielsweise Leonore E. Walkers Zirkel der Gewalt, 1979). Immer tragen sie die Ausübung von Macht durch körperliche und seelische Unterwerfung und Schädigung in sich. Die Betroffenen schweigen oft aus Scham, aber auch Familienangehörige, Freundinnen oder Arbeitskolleginnen schauen weg. »Selten werden die Frauen beim ersten Mal so verletzt, dass sie sichtbare Spuren davontragen. Häufig entschuldigen sich die Täter zunächst.« Und viele Frauen* »wollen glauben, dass er sich ändern wird.«
Sehnsucht bindet Partnerschaften nach innen – sie ist gewebt aus Träumen und den Erwartungen an die gemeinsame Beziehung und muss dem täglichen Abgleich mit der Realität standhalten. Sie hält aufrecht, wenn die ersten Gewalthandlungen passieren und eine Erklärung brauchen. Sie verstärkt Scham und Schuldgefühle und grenzt damit ab nach außen. Tennessee Williams’ Endstation Sehnsucht (1947) nimmt die Zuschauenden mit in eine Zeit, die tief gezeichnet ist von wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Umbrüchen und den damit verbundenen sozialen Unsicherheiten. Es erzählt von der Sehnsucht nach einem anderen, besseren Leben, vom Sich-Auflehnen, von der Enttäuschung und Verlust, von Wut, Abwertung, Gewalt und Scham. Die Beziehungen der Protagonist*innen sind davon geprägt, dass sie sich immer wieder zur Gewalt verhalten müssen: Sie leugnen, sie rechtfertigen, sie ertragen. Was auch immer sie tun, ihr Verhalten hat immer und unmittelbar Auswirkungen auf ihr Leben und die Möglichkeiten, die sich durch ihr Verhalten eröffnen und verschließen. Im Gegensatz zur Sehnsucht nach einer erfüllten Beziehung, nach Loyalität und unerschütterlicher Solidarität im Familienverbund ist der Schutz vor Gewalt kein gesellschaftliches Ideal, sondern eine politische Verpflichtung. Artikel 2 unseres Grundgesetzes schreibt das Recht »auf Leben und körperliche Unversehrtheit« fest – zu dem ethisch auch die sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung gehören – und ergänzt »die Freiheit der Person ist unverletzlich«. Die Entwicklungder Häuslichen Gewalt legt nahe, dass dieser Verfassungsgrundsatz missachtet wird – täglich und systematisch.
Der Grundsatz des Rechts auf körperliche Unversehrtheit muss von Gewalt betroffenen Menschen durch einen robusten rechtlichen Rahmen Schutz und Unterstützung bieten, um aus gewalttätigen Beziehungen zu entkommen. Das Aussteigen und sich Abwenden von gewalttätigen Beziehungen wird vielfach erschwert; die Anzeige von Gewalttaten setzt Frauen* neuer Gewalt aus – viele Männer töten ihre Partnerin erst infolge ihrer Trennung, aus Rache. Wenn Frauen Gewalt anzeigen, erleben sie retraumatisierende polizeiliche und gerichtliche Verfahren – wieder und wieder müssen sie sich Fragen nach ihrem »Anteil« an der Gewalt stellen. Als Gesellschaft tragen wir alle eine Verantwortung in der Positionierung gegen Gewalt. Tabus um die Nicht-Ansprechbarkeit von Täterinnen und Mythen wie der der Mitschuld der Opfer müssen gebrochen werden, denn sie stabilisieren die Macht von Täterinnen. Opfern (oder Überlebenden)
muss zunächst einmal zugehört werden. Und: geglaubt werden. Immer. Denn die Statistik zeigt, dass der Anteil von Falschbeschuldigungen bei geschlechtsbezogener Gewalt im niedrigen einstelligen Bereich liegt. Häusliche Gewalt ist – wie jede andere Form der Gewalt – keine »Privatsache«. Sie ist auch kein Problem der Opfer, sie geht uns alle an. Sie nicht
zu bekämpfen, schwächt uns als Gemeinschaft – langfristig und nachhaltig.
Text von: Mareike Wilke, Güneş Üzer, Esther Rüßler und Kerstin Eppert
Link zum Stück: https://www.buo-bielefeld.de/theater/veranstaltung/endstation-sehnsucht-a-streetcar-named-desire
