„Dialog ist, wenn … ja, wenn WAS eigentlich?“

English version

Wie wir miteinander sprechen, zuhören und mit unterschiedlichen Meinungen umgehen, hängt auch davon ab, was wir unter Dialog verstehen. Doch was passiert, wenn Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Prägungen auf diese Frage schauen? Damit beschäftigten sich internationale Studierende im Rahmen des NEOLAiA NEOmentor Programms bei einem Workshop an der Universität Bielefeld. Unter der Leitung von Lilly Roll-Naumann und Franka Büssing von der ConflictA ging es dabei nicht darum, eine einheitliche Definition von Dialog zu finden. Vielmehr stand im Mittelpunkt, welche Vorstellungen die Teilnehmenden selbst mitbringen und wie diese durch Sprache, persönliche Erfahrungen und unterschiedliche Kontexte geprägt sind.

Schon in der ersten Austauschrunde wurde deutlich, wie unterschiedlich der Begriff verstanden werden kann. Für einige braucht ein Dialog mindestens zwei Personen, die miteinander sprechen. Andere verstanden ihn auch als einen inneren Prozess – als Innehalten, Reflektieren und Auseinandersetzen mit den eigenen Gedanken und Gefühlen.

Genau diese Unterschiede machten den Austausch interessant. Denn was für die eine Person selbstverständlich zum Dialog gehört, muss es für die andere nicht unbedingt. Unsere Vorstellungen davon, was Zuhören, Austausch oder gegenseitiges Verstehen bedeuten, sind auch davon geprägt, in welchen sprachlichen, sozialen und kulturellen Zusammenhängen wir uns bewegen. Gleichzeitig gab es Gemeinsamkeiten: Immer wieder wurden Austausch, gegenseitiger Respekt und das Kennenlernen anderer Perspektiven mit Dialog in Verbindung gebracht.

Zuhören heißt nicht nur hören

Im Workshop wurde deutlich, dass Kommunikation nicht bei den gesprochenen Worten endet. Mimik, Gestik und Tonfall beeinflussen, wie wir eine Aussage verstehen. Gleichzeitig bringen wir unsere eigenen Erfahrungen mit und reagieren auf das Gesagte oft schon, bevor wir bewusst darüber nachdenken. Damit rückte eine für Dialog zentrale Spannung in den Mittelpunkt: Wie aufmerksam bin ich für mein Gegenüber – und wie aufmerksam bleibe ich dabei für mich selbst?

Dialogisch zuzuhören bedeutet zunächst, neugierig zu bleiben und nachzufragen. Nicht nur: Was sagt die andere Person? Sondern auch: Welche Erfahrung steckt dahinter? Was bedeutet das für sie? Ebenso richtete der Workshop den Blick auf die eigene Reaktion: Was löst das Gesagte in mir aus? Welche Gedanken oder Gefühle entstehen? Und wo liegen meine eigenen Grenzen?

Gerade wenn ein Gespräch schwierig wird, kann diese Selbstwahrnehmung entscheidend sein. Manchmal merkt man erst im Nachhinein, dass man innerlich längst in den Widerstand gegangen ist. Sich dessen bewusst zu werden, eröffnet eine Wahl: Weiter nachfragen, die eigene Perspektive einbringen oder auch eine Grenze setzen.

Müssen wir uns einig sein?

Kann ein Dialog eigentlich funktionieren, wenn wir am Ende nicht dasselbe denken?

Im Workshop wurde zu diesem Punkt deutlich, dass Dialog nicht mit dem Ziel der Zustimmung geführt wird. Es geht weder darum, die eigene Position aufzugeben noch das Gegenüber zu überzeugen. Entscheidend ist vielmehr, nachzuvollziehen, wie eine andere Person zu ihrer Sichtweise kommt. Dafür wurden verschiedene Fragestrategien erprobt wie z.B. nach persönlichen Erfahrungen zu fragen, die Bedeutung bestimmter Werte aufzugreifen oder sich zu vergewissern, ob man das Gegenüber tatsächlich richtig verstanden hat. In solchen Situationen entsteht schnell der Wunsch, die eigene Position zu erklären oder einen Widerspruch direkt zurückzuweisen. Eine dialogische Haltung stellt das Bemühen um Verstehen vor das eigene Reagieren.

Und wenn es brenzlig wird?

Im Workshop blieb es nicht bei theoretischen Überlegungen. In einer praktischen Übung führten die Studierenden Gespräche mit einem herausfordernden Gegenüber. Eine Person brachte einen konkreten Fall ein, eine weitere übernahm die Rolle des Gegenübers, während andere das Gespräch beobachteten. Anschließend wurde gemeinsam reflektiert: Wie hat sich die Situation angefühlt? Was ist im Gespräch passiert? Und was haben die Beobachtenden wahrgenommen?

Gerade in solchen Situationen zeigt sich, dass Dialog nicht einfach eine Methode ist, die sich nach einem festen Schema anwenden lässt. Es kommt darauf an, wie wir zuhören, was eine Aussage in uns auslöst und ob wir das eigene Verhalten im Gespräch bewusst wahrnehmen können.

Für die Studierenden ist das auch über den Workshop hinaus von Bedeutung. Im Studienalltag treffen unterschiedliche sprachliche, kulturelle und persönliche Erfahrungen aufeinander. Nicht jede Irritation muss dabei gleich als Konflikt verstanden werden. Manchmal lohnt es sich, zunächst nachzufragen: Was meint die andere Person eigentlich – und warum? Genau hier kann die Vielfalt der Gruppe zu einer Ressource werden. Denn unterschiedliche Perspektiven machen Gespräche nicht immer einfacher, eröffnen aber die Möglichkeit, die eigene Sichtweise zu hinterfragen und andere Zugänge kennenzulernen.

Was bleibt?

Eine starre Antwort auf die Frage, was Dialog ist, gab es am Ende nicht. Dafür wurde etwas anderes deutlich: Wir bringen unsere eigenen Vorstellungen immer mit in ein Gespräch. Was für uns selbstverständlich erscheint, kann für jemand anderen ganz anders aussehen. Gerade darin liegt eine Stärke unterschiedlicher Perspektiven. Sie können Gespräche zunächst komplizierter erscheinen lassen, eröffnen aber auch die Möglichkeit, die eigene Sichtweise zu hinterfragen und etwas über die Perspektive des Gegenübers zu erfahren.

Für die Studierenden im NEOmentor Programm ist das eine Erfahrung, die über den Workshop hinaus relevant bleibt. In einem internationalen Studienumfeld begegnen sich unterschiedliche Erfahrungen, Sprachen und Sichtweisen jeden Tag. Die Frage ist dann nicht immer, wie schnell wir zu einem gemeinsamen Verständnis kommen. Manchmal ist es wichtiger, die Unterschiede erst einmal auszuhalten und genauer hinzusehen.

Vielleicht ist genau das ein guter Anfang für Dialog.


“Dialogue is … well, what IS it actually?”

How we speak to each other, listen, and deal with different opinions also depends on what we understand by dialogue. But what happens when people with different experiences and backgrounds approach this question? This was explored by international students participating in the NEOLAiA NEOmentor Programme during a workshop at Bielefeld University. Led by Lilly Roll-Naumann and Franka Büssing from ConflictA, the workshop was not about finding one common definition of dialogue. Instead, the focus was on the different ideas the participants shared and how these are shaped by language, personal experiences, and different contexts.

From the very first exchange, it became clear that the term can mean quite different things. For some, dialogue necessarily involves at least two people who talk to each other. Others also understood it as an inner process – taking a moment to pause, reflect, and engage with one’s own thoughts and feelings.

These differences made the discussion particularly interesting. What seems like an obvious part of dialogue to one person may not be so obvious to someone else. Our ideas of what listening, exchange, or mutual understanding mean are also shaped by the linguistic, social, and cultural contexts we move in. At the same time, there were clear points of common ground: dialogue was repeatedly associated with exchange, mutual respect, and getting to know other perspectives.

Listening means more than hearing

The workshop also explored how communication goes beyond spoken words. Facial expressions, gestures, and tone of voice all influence how we understand what someone is saying. At the same time, we bring our own experiences into a conversation and often react to what we hear before we have consciously thought about it.

This raised a central question for dialogue: How attentive am I to the other person – and how do I remain to myself at the same time? Dialogic listening means staying curious and asking questions. Not only: What is the other person saying? But also: What experience is behind this? What does it mean to them?

At the same time, the workshop focused on our own reactions: What does what I hear trigger in me? What thoughts or emotions come up? And where are my own boundaries? Especially when a conversation becomes difficult, this kind of self-awareness can make a difference. Sometimes we only realise afterwards that we had already entered a defensive mode. Becoming aware of that reaction creates a choice: to ask another question, to share our own perspective, or to set a boundary.

Do we have to agree with each other?

Can dialogue actually work if we do not end up thinking the same thing?

The workshop made clear that dialogue does not necessarily have to aim at agreement. It is not about giving up one’s own position or convincing the other person. Rather, it can be about understanding how someone arrived at their perspective in the first place.

The students therefore experimented with different ways of asking questions – for example, asking about personal experiences, exploring the meaning of certain values, or checking whether they had actually understood the other person correctly. In situations like these, it is easy to want to explain one’s own position or immediately reject something one disagrees with. A dialogic approach starts somewhere else: with trying to understand before reacting.

And what if things get tense?

The workshop did not remain at the level of theory. In a practical exercise, the students engaged in conversations with a challenging counterpart. One person introduced a specific case, another took on the role of the counterpart, while others observed the conversation. Afterwards, they reflected together: How did the situation feel? What happened during the conversation? And what did the observers notice?

These situations showed that dialogue is not simply a method that can be applied according to a fixed formula. It also depends on how we listen, what a statement triggers in us, and whether we are still able to notice our own reactions during the conversation.

This is relevant beyond the workshop itself. In an international study environment, people with different linguistic, cultural, and personal experiences meet every day. Not every moment of irritation has to become a conflict. Sometimes it is worth asking first: What does the other person actually mean – and why? This is also where the diversity of the group can become a resource. Different perspectives do not always make conversations easier, but they can challenge us to reconsider our own view and discover ways of seeing a situation that we might not have considered before.

What stays with us?

There was no single answer to the question of what dialogue is. But something else became clear: We always bring our own ideas into a conversation. What seems self-evident to us may look completely different to someone else. That is also where the value of different perspectives lies. They can make conversations more complicated at first, but they can also create an opportunity to question our own assumptions and learn more about how others see the world.

For the students in the NEOmentor Programme, this is something that can extend far beyond the workshop. In an international study environment, different experiences, languages, and perspectives meet every day. The goal is not always to reach a shared understanding as quickly as possible. Sometimes it is more important to sit with the differences for a moment and take a closer look.

Maybe that could be a good place to start a dialogue.


Text & Fotos: Uedian Gavan