Ein Bericht zum Grünen Salon 21. Mai 2026
Beim „Grünen Salon“ im Alten Schlachthof in Soest stand ein Thema im Mittelpunkt, das derzeit viele Debatten prägt: Radikalisierung von Jugendlichen. Schon zu Beginn fiel ein Satz, der wissenschaftlich betrachtet überraschend ist – und gesellschaftlich entlastend wirken könnte: Angesichts multipler Krisen, Kriege, sozialer Unsicherheiten und digitaler Polarisierung radikalisieren sich verhältnismäßig wenige junge Menschen. Auch Gewalt bleibt statistisch gesehen begrenzt.
Dieser Befund widerspricht dem verbreiteten Eindruck, eine ganze Generation stehe am Rand extremistischer Abgründe. Studien wie die aktuelle Shell-Jugendstudie zeigen vielmehr: Die Mehrheit der Jugendlichen in Deutschland steht demokratischen Grundwerten stabil gegenüber, engagiert sich politisch oder ist zumindest politisch interessiert. Radikalisierung ist kein Massenphänomen, sondern betrifft eine Minderheit. Und doch: Die Sorgen sind real. Und die Debatte ist notwendig.
Der nachfolgende Beitrag verbindet gesammelte Eindrücke des Diskussionsabends mit Einordnungen und Ergänzungen wissenschaftlicher Erkenntnisse.
Wer ist „die Jugend“?
Bereits der Begriff „Jugend“ verführt zur Vereinfachung. Jugend ist keine homogene Gruppe, sondern kann u.a. als Lebensphase beschrieben werden – geprägt von Identitätssuche, dem Wunsch nach Zugehörigkeit, Autonomie und Anerkennung. Wissenschaftlich ist es sinnvoll, von „Jugenden“ zu sprechen, weil z. B. sehr unterschiedliche soziale Lagen, Milieus, Bildungswege, Migrationserfahrungen und Lebensrealitäten vorliegen. Zeitweilig taucht auch der sozialwissenschaftlich geprägte Begriff Superdiversität (Super-diversity) auf, um diesen Fakt zu beschreiben.1
Im Verlauf des Abends wurde deutlich, wie sehr sich diese Lebensrealitäten in den letzten Jahren verändert haben. Die Schulleiterin Dr. Rita Brand sprach von einer klar spürbaren Zäsur zwischen der Zeit vor und nach Corona. Junge Menschen seien in der Pandemie phasenweise allein gelassen worden. Persönlichkeiten hätten sich verändert. Vertrauen sei brüchiger geworden. Gleichzeitig betonte sie, dass es keine „Linearität in der Radikalisierung“ gebe. In 27 Jahren Schuldienst habe sie keine „radikalen und bösen“ Jugendlichen kennengelernt, sondern junge Menschen, die im Kern ansprechbar, oft „lieb“ und lernbereit seien. Dieses Bild steht quer zu alarmistischen Diskursen.
Radikalisierung als Prozess – nicht als plötzlicher Bruch
In der Forschung wird Radikalisierung überwiegend als Prozess verstanden. Sie beginnt selten mit Gewalt, sondern mit Gefühlen: Kontrollverlust, Krise, Isolation. Hinzu kommen polarisierte Diskursräume, in denen sich ein Zuordnungszwang entwickelt – „Wir gegen die anderen“.
Solche Narrative strukturieren komplexe Weltlagen in einfache Gegensätze. Sie bieten Orientierung, Zugehörigkeit und klare Verantwortlichkeiten. Gerade in Phasen gesellschaftlicher Verunsicherung wirken sie attraktiv.
Interessant war in diesem Zusammenhang die Mentimeter-Umfrage im Saal. Auf die Frage „Wo nehmen wir Radikalisierung wahr?“ antwortete eine klare Mehrheit: in den sozialen Medien. Auf die Frage nach dem „Hauptgrund der Radikalisierung“ wurden jedoch nicht „Manipulation“ oder „Kriege“ an erster Stelle genannt, sondern mit 53 Prozent: fehlende Perspektiven, wirtschaftliche Sorgen, Frust.
Das deutet auf eine Differenz hin: Die Orte der Sichtbarkeit sind digital – die Ursachen werden jedoch stärker im Sozialen und Ökonomischen vermutet.
Soziale Medien: Beschleuniger, nicht Ursprung

TikTok und Instagram wurden mehrfach als problematische Informationsquellen benannt. Jonas Behrendt, Sozialarbeiter, schilderte, dass Themen zunehmend über 20- bis 30-sekündige Reels von Influencer*innen vermittelt würden. Hier entstehen Deutungen ohne Kontext, Emotionalisierung ohne Einordnung.
Gleichzeitig beschrieben junge Diskutierende soziale Medien als „Zufluchtsort“. Der Algorithmus „bildet uns“, sagte Jeremias Vogel – eigentlich müsse diese Rolle die Schule übernehmen. Er ergänzte: Soziale Medien seien kein neutraler Raum. Sie gehörten Unternehmen, die Aufmerksamkeit monetarisieren. Polarisierende Inhalte – auch rechte – würden dadurch begünstigt. Dr. Rita Brand formulierte offen eine generationelle Unsicherheit: Viele ältere Lehrkräfte hätten „Angst“ vor sozialen Medien, weil sie selbst nicht damit aufgewachsen seien. Sie könnten in digitalen Diskursen kaum mitreden.
Hier zeigt sich eine pädagogische Herausforderung: Wenn digitale Räume zentral für Identitätsbildung werden, Schule aber strukturell nicht mithalten kann, entsteht ein Vakuum.
Wirtschaftliche Ängste – gemacht oder real?
Besonders kontrovers wurde die Frage nach wirtschaftlichen Sorgen diskutiert. Ein Lehrer äußerte die These, wirtschaftliche Ängste würden durch soziale Medien „gemacht“; zudem sei ein überzogener Wohlstandsanspruch normalisiert. Andere Stimmen widersprachen entschieden: Perspektivlosigkeit und Existenzängste seien real – steigende Mieten, prekäre Beschäftigung, unsichere Zukunftsaussichten. Ein Beitrag verwies auf leerstehende Wohnungen bei gleichzeitiger Obdachlosigkeit – ein Hinweis auf strukturelle Ungleichheit.
Hier lohnt eine wissenschaftliche Differenzierung: Subjektiv empfundene Statusunsicherheit kann radikalisierungsrelevant sein – unabhängig davon, ob objektiv Armut vorliegt. Gleichzeitig sind ökonomische Ungleichheiten empirisch gut belegt. Beispielsweise sind in Deutschland rund drei Millionen Kinder und Jugendliche von relativer Armut bedroht. Das wird oft übersehen, weil Altersarmut häufiger sichtbar und als dauerhaft wahrgenommen wird. Armut bei jungen Menschen bleibt oft unbemerkt und wird in der Öffentlichkeit unterschätzt.2
Schule zwischen Auftrag und Überlastung
Immer wieder wurde die Frage gestellt: Wo liegen die Ursachen von Radikalisierung – und wo die Grenzen schulischer Verantwortung? Dr. Rita Brand formulierte deutlich, dass Schulen zunehmend gesellschaftliche Erziehungsaufgaben übernehmen müssten, die früher stärker in Familien verankert waren. Freundschaften, Konfliktlösung, Wertefragen – vieles werde in die Schule delegiert. Bei Klassen mit über 30 Schüler*innen bleibe jedoch kaum Zeit für individuelle Beziehungsarbeit. Ihr größter Wunsch: mehr Zeit für das Miteinander. Jonas Behrend betonte ebenfalls die Bedeutung von Beziehung und Augenhöhe. „Die, denen alles egal scheint, haben oft selbst genug zu tragen.“
Aus sozial- und erziehungswissenschaftlicher Sicht besteht tatsächlich die Gefahr, Familie retrospektiv als stabilere und funktionalere Institution zu idealisieren. Forschung zeigt jedoch, dass familiale Strukturen nie konflikt- oder überforderungsfrei waren, sondern stets von sozialen Ungleichheiten, ökonomischen Bedingungen, oft von Gewalt und sich wandelnden Rollenerwartungen geprägt wurden.
Generell zeigt sich hier jedoch ein zentraler Punkt: Prävention ist Beziehungsarbeit. Sie lässt sich nicht durch Appelle oder Moralisierung ersetzen.
Politische Mitbestimmung und das Gefühl, übergangen zu werden
Ein wiederkehrendes Motiv war das Gefühl, dass „über uns entschieden wird“. Beispiele waren Wehrpflichtdebatten, Rentenpolitik oder bauliche Missstände an Schulen. Mehrere Wortmeldungen verwiesen darauf, dass Schüler*innenvertretungen im Schulausschuss weiterhin kein Stimmrecht haben, während kommunale Prestigeprojekte finanziert werden.
Solche Erfahrungen können das Gefühl politischer Ohnmacht verstärken. Wer nicht mitentscheiden darf, sucht womöglich nach „einfachen Antworten“. Gleichzeitig wurde aus dem Publikum zurecht angemerkt: Jugend ist nicht die alleinige Bevölkerungsgruppe mit hoher Zustimmung zu extrem rechten Parteien. Auch andere Altersgruppen radikalisieren sich. Die Fokussierung auf Jugend kann daher entlastend für andere Gruppen wirken.
„In den letzten beiden Jahren haben sich politische Kräfte, analog wie digital, rasant in den Vordergrund gedrängt und Kommunikationsräume besetzt. Sie nutzen Krisen, Konflikte und Kriege für offensichtliche oder kaum erkennbare rechtsextreme Kampagnen. Bedrohungs- und Gefahrenbilder wie völkische Heilsbilder finden in der Mitte Anklang. Die Mitte-Studie hat die zunehmende Distanzierung der Mitte von demokratischen Orientierungen, wie sie sich vor allem in einer Akzeptanz rechtsextremer Orientierungen zeigt, dokumentiert.“
Aktuelle Mitte-Studie (Zick, Küpper, Mokros, Eden 2025), S. 25.
Radikal – nur negativ?
Ein interessanter Einwurf aus dem Publikum schloss an den Impulsvortrag an und erinnerte daran, dass auch die 68er-Bewegung oder die sogenannte „Krüppelbewegung“ als radikal galten. Radikalität ist historisch nicht nur destruktiv, sondern kann auch emanzipatorisch sein. Die Frage lautet also nicht, ob junge Menschen radikal denken dürfen – sondern in welche Richtung sich Radikalität entwickelt und ob sie demokratisch eingebettet bleibt.
Am Ende der Diskussion betonte der Vertreter der Grünen Jugend ausdrücklich: Das zentrale Problem sei gegenwärtig die Radikalisierung von rechts, nicht von links. Die Aussage lässt sich gut stützen z.B. mit Blick auf die aktuelle Entwicklung von ‚politisch motivierten Straftaten‘3.
„Rechtsmotivierte Straftaten nahmen mit einer Steigerung von 47,8 Prozent am deutlichsten zu und machen mehr als die Hälfte aller polizeilich registrierten Taten aus. Der deutliche Anstieg ist insbesondere auf die Vielzahl der gemeldeten Propagandadelikte zurückzuführen ist. Aber auch die rechtsmotivierten Gewaltstraftaten stiegen im Jahr 2024 deutlich um 17,2 Prozent – ein Beleg für die hohe und weiterhin zunehmende Gewaltbereitschaft.“
(Bericht BKA)
Prävention: Was hilft?
Die Antworten im Saal verdichteten sich auf wenige Kernpunkte:
- Ernsthaftigkeit im Umgang mit Jugendlichen
- Dialog statt Überzeugen
- Keine Moralisierung oder Beschämung
- Ausstiegsprogramme
- Politische Bildung und Begriffsklärung (Rassismus, Toleranz etc.)
- Mehr reale Mitbestimmung
- Beziehungsarbeit
Die Schulleiterin sprach von Jugendlichen als „Diamanten, die geschliffen werden müssen“. Selbstwirksamkeit könne entstehen, wenn junge Menschen konkret handeln – Bäume pflanzen, Projekte gestalten, europäische Begegnungen erleben. Interessant war allerdings, dass gerade jüngere Zuhörer*innen darauf verhalten reagierten. Möglicherweise reicht symbolische Partizipation nicht aus, wenn strukturelle Fragen offenbleiben. Die Metapher vom ‚Diamanten‘ verweist auf ein entwicklungsorientiertes Bildungsverständnis, das Potenziale betont, zugleich aber normative Vorstellungen von Reifung und Formung transportiert. Aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive ließe sich hier fragen, inwiefern Jugendliche primär als Adressat*innen pädagogischer Gestaltung erscheinen, während ihre bereits vorhandenen Kompetenzen, Deutungsmuster und politischen Urteilsfähigkeiten in den Hintergrund treten. Partizipations- und Demokratieforschung unterscheiden zudem zwischen symbolischer Beteiligung und struktureller Mitentscheidung: Nachhaltige Selbstwirksamkeitserfahrungen entstehen demnach vor allem dort, wo junge Menschen reale Einflussmöglichkeiten auf institutionelle Rahmenbedingungen ihres Alltags haben – nicht nur projektbezogene Handlungsspielräume.
Ein letzter Gedanke aus dem Publikum war sehr eindrücklich: Wenn Isolation ein Risikofaktor ist, könnten künftig sogar KI-Systeme emotionale Lücken füllen. Doch Empathie aus Maschinen ersetzt, so die Vermutung, keine realen Beziehungen. Prävention bleibt eine Frage menschlicher Nähe.
Wie kann ich Radikalisierung erkennen?
Zu finden unter: Jessica Wawrzyniak
Tipps dazu hat Jessica Wawrzyniak gesammelt (2025). Radikalisierung im Netz.
Im Ergebnis lässt sich der Diskussionsabend weder als Alarmruf noch als Entwarnung lesen, sondern als Aufforderung zur Differenzierung. Empirische Befunde sprechen dafür, dass die große Mehrheit junger Menschen nicht radikalisiert ist. Bemerkenswert erscheint vielmehr die relative Stabilität demokratischer Orientierungen trotz multipler gesellschaftlicher Krisen. Radikalisierungsprozesse beginnen zudem selten auf der Ebene geschlossener Ideologien, sondern entwickeln sich häufig aus Erfahrungen von Kontrollverlust, sozialer Isolation oder mangelnder Anerkennung. Soziale Medien fungieren dabei als sichtbarer Resonanz- und Verstärkungsraum, während die zugrunde liegenden Ursachen vielfach im Sozialen, Ökonomischen und Politischen verortet werden müssen. Prävention erweist sich vor diesem Hintergrund weniger als Frage verschärfter Sanktionen, sondern als Aufgabe demokratischer Infrastruktur und Miteinander. Prävention verlangt Zeit für Beziehung, institutionell verankerte Dialogräume und reale Mitbestimmungsmöglichkeiten. Eine zentrale Einsicht des Abends lässt sich daher in einer nüchternen Formel bündeln: Entscheidend sind tragfähige soziale Beziehungen, ernstgemeinte Beteiligung sowie die Bereitschaft, Jugenden nicht primär als Risiko, sondern als eigenständige demokratische Akteur*innen zu verstehen.



Weiterführende Links und Verweise:
- Barbara Hoischer (2026). Jugendradikalisierung: Klassen mit über 30 Schülern – keine Zeit mehr für die Einzelnen
- Handreichung „Toxische Männlichkeit auf Schulhöfen? Gewalt gegen Mädchen* und Frauen* einordnen und entgegenwirken“
- ConflictA-Spotlight zur aktuellen Debatte um Verteidigung und Wehrpflicht: Lampe, D., Zick, A., Skolarski, S., Nowak, A. C., & Rees, J. (2025). Konfliktfeld Sicherheit: Verteidigung und Wehrpflicht in Zeiten des Krieges (ConflictA Spotlights). ConflictA.
- Mehr zum Begriff Superdiversität ist bspw. hier zu finden: Steven Vertovec (2012). Superdiversität https://heimatkunde.boell.de/de/2012/11/18/superdiversitaet#Steven_Vertovec (letzter Zugriff 02.06.26). ↩︎
- Mehr zum Thema bspw. von Armut: Irina Volf (2025) Kinder- und Jugendarmut Ein Fakten- und Lebenslagencheck. Zu finden unter: https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/jugend-2025/570144/kinder-und-jugendarmut/ ↩︎
- Zum Weiterlesen: https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/studie-zunehmende-radikalisierung-100.html (letzter Zugriff 04.06.2026) ↩︎
Text von: Nico Noltemeyer-Gautier unter Mitarbeit von Jonas Uphoff
Fotos von: Jonas Uphoff
