Forschung beginnt oft mit einer Frage. Mit dem Wunsch, etwas genauer zu wissen.
Wie Freiheit Wissen schafft – eine digitale Ausstellung von ConflictA
Etwas zu überprüfen. Etwas nicht einfach hinzunehmen.
Wissenschaftsfreiheit klingt zunächst nach einem Thema, das vor allem Universitäten und Wissenschaftler*innen betrifft. Doch die Frage, wie frei Wissenschaft ist, reicht weit über Hochschulen, Vorlesungssäle und Labore hinaus. Sie steht nicht für sich allein, sondern berührt Meinungsfreiheit, Kunstfreiheit, politische Teilhabe und die Frage, wie eine demokratische Gesellschaft mit Widerspruch umgeht.
Was bedeutet es, wenn Forschung nicht (mehr) frei ist – weltweit und in Deutschland?
Mit dieser zentralen Frage beschäftigt sich die ConflictA-Visual Story Wie Freiheit Wissen schafft. Darin stehen vor allem die Erfahrungen von Wissenschaftler*innen im Mittelpunkt: Was passiert, wenn Forschung politischen Interessen widerspricht oder Forschende aufgrund ihrer Arbeit bedroht werden?
Aisha aus der Türkei, Vasil aus Belarus oder auch Ray aus Hongkong berichten von politischen Einschränkungen, Verfolgung und Flucht. An ihren persönlichen Geschichten wird deutlich, welche konkreten Auswirkungen, Einschränkungen von Wissenschaftsfreiheit auf das Leben und die Arbeit von Forschenden haben kann. Viele haben ihre Heimat verlassen, weil sie forschten, lehrten, sich gesellschaftlich engagierten oder öffentlich widersprachen. Wissenschaftsfreiheit ist weltweit unter Druck:
Zwischen 2015 und 2025 ist Wissenschaftsfreiheit in 50 Ländern zurückgegangen, während es lediglich in 9 Ländern positive Entwicklungen gibt. Academic Freedom Index, Update 2026
Auch in Deutschland ist Wissenschaftsfreiheit keine Selbstverständlichkeit. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat 2026 ein Positionspapier zur Stärkung der Freiheit und Resilienz der Wissenschaften vorgelegt und fordert darin, Wissenschaftsfreiheit auch in Deutschland aktiv zu verteidigen. In Deutschland ist die Freiheit von Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre durch Artikel 5 Absatz 3 des Grundgesetzes geschützt.
Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung. Grundgesetz, Art. 5 (3)
Das bedeutet jedoch nicht, dass Forschende keinen Einschränkungen oder Bedrohungen ausgesetzt sind. In der Visual Story erzählt etwa der Wissenschaftler „Sven“ von Anfeindungen und konkreten Morddrohungen, nachdem eine seiner Studien öffentlich skandalisiert worden war. Die Erfahrung beeinflusste nicht nur seinen Alltag, sondern auch seine weitere Forschung, da er geplante Studien anschließend nicht mehr durchführte. Sein Beispiel zeigt, dass die rechtliche Garantie von Wissenschaftsfreiheit allein nicht ausreicht. Wissenschaftler*innen müssen ihre Arbeit auch tatsächlich ausüben und ihre Ergebnisse öffentlich vertreten können, ohne deshalb eingeschüchtert oder bedroht zu werden.
Wissenschaftsfreiheit ist eine gesellschaftliche Frage
Die Grenze zwischen Wissenschaft und gesellschaftlichem Engagement ist in den persönlichen Geschichten nicht immer eindeutig. Darf oder soll Wissenschaft beispielsweise aktiv werden, wenn wissenschaftliche Erkenntnisse auf gesellschaftliche Missstände hinweisen? Was passiert, wenn Wissenschaftler*innen nicht nur forschen, sondern öffentlich Position beziehen? Und wann sprechen Wissenschaftler*innen als Forschende, wann als Bürger*innen? Die Visual Story liefert darauf keine einfachen Antworten. Stattdessen regt sie zum Nachdenken über das eigene Verständnis von Freiheit an.
Denn eine demokratische Gesellschaft ist darauf angewiesen,
- dass Menschen (auch unbequeme) Fragen stellen können,
- dass Erkenntnisse nicht davon abhängig sind, ob sie politisch erwünscht sind, und
- dass wissenschaftliche Aussagen überprüft, kritisiert und weiterentwickelt werden können.
Wissenschaftsfreiheit schützt damit nicht nur Wissenschaftler*innen. Sie schafft eine Voraussetzung dafür, dass Gesellschaften auf Grundlage von Wissen über ihre Gegenwart und Zukunft diskutieren können.
Zum Hintergrund der Visual Story
Wie Freiheit Wissen schafft entstand im Rahmen des Wissenschaftsjahres 2024 „Freiheit“. Anlässlich von 75 Jahren Grundgesetz und 35 Jahren Mauerfall entwickelten ConflictA und das Historische Museum Bielefeld gemeinsam eine Ausstellung rund um die Frage: Ist Freiheit in der Wissenschaft für uns alle relevant?
An sieben Standorten in Bielefeld beschäftigte sich die Ausstellung mit dem Verhältnis von Wissenschaft, Freiheit und Gesellschaft. Das Projekt wurde vom damaligen Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Wissenschaftsjahres 2024 gefördert.
Inzwischen wurde die Ausstellung digital weiterentwickelt. Die Visual Story verbindet persönliche Geschichten und Audioaufnahmen mit Daten des Academic Freedom Index und Informationen zur Wissenschaftsfreiheit im Grundgesetz. Außerdem geht es um Meinungsfreiheit, Kunstfreiheit und Zusammenhänge von Wissenschaft und Politik.
Die digitale Visual Story Wie Freiheit Wissen schafft ist hier frei zugänglich:https://lernen.conflict-a.de/digitale-ausstellung/wie-freiheit-wissen-schafft
Text von: Uedian Gavan und Esther Rüßler
