Zur Wechselwirkung zwischen extrem rechter Einflussnahme und kommunalen Konfliktdynamiken am Beispiel Sachsen-Anhalts
ConflictA Konfliktakademie, IKG, Universität Bielefeld
Wissensnetzwerk Rechtsextremismusforschung Plattform Transfer, SO.CON, Hochschule Niederrhein
Mit rund 44 Prozent für die AfD markiert die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt eine Zäsur. Was bedeutet das für Kommunen, Verwaltungen, Vereine und Initiativen, die vor Ort Konflikte bearbeiten? Der Beitrag verbindet Forschung, Praxiserfahrungen und aktuelle Empfehlungen aus der Zivilgesellschaft – und fragt, wie demokratische Konfliktfähigkeit unter Druck erhalten werden kann.
Rechtsextreme Parteien und Gruppierungen sind nicht nur auf der Ebene bundes- oder landespolitischer Auseinandersetzungen relevant. Sie prägen auch die Bedingungen, unter denen vor Ort, in den Kommunen Herausforderungen verhandelt werden. Sie verändern die Voraussetzungen kommunaler Konfliktbearbeitung, welche zum Ziel hat, unterschiedliche Interessen, Perspektiven und Bedürfnisse sichtbar zu machen, Kommunikation zu ermöglichen und gemeinsam tragfähige Umgangsweisen mit Konflikten vor Ort zu entwickeln. Denn diese gerät besonders dort an besondere Grenzen, wo Beteiligte nicht nur bestimmte Interessen vertreten, sondern demokratische Verfahren strategisch instrumentalisieren, die Gleichwertigkeit von Menschen infrage stellen oder gezielt Unsicherheit, Misstrauen und Bedrohung erzeugen.
Der Beitrag fragt daher: Welche Wechselwirkungen bestehen zwischen Rechtsextremismus und lokalen Konflikten? Wie beschreiben Forschung und Praxis die gegenwärtige Situation? Und welche Ansatzpunkte ergeben sich für demokratische Akteur*innen vor Ort, um ihre Konflikt- und Handlungsfähigkeit zu erhalten? Ausgangspunkt ist der Online-Talk von ConflictA und WiREX „Sachsen-Anhalt nach der Wahl. Was bedeuten die Ergebnisse für Konfliktbearbeitung vor Ort?“ mit Agnes Sander (K3B) und Dr. Frank Greuel (DJI).
Lokale Konflikte: real, perspektivgebunden und politisch umkämpft
Gesellschaftliche Konflikte gehören zu demokratischen Gesellschaften. Unterschiedliche Interessen, Werte und Vorstellungen über ein gutes Zusammenleben müssen fortlaufend ausgehandelt werden. Konflikte können politische Beteiligung ermöglichen, auf Ungleichheiten aufmerksam machen und Veränderungsprozesse anstoßen (vgl. Dahrendorf 1958; August/Westphal 2024; Deitelhoff 2025). Welche Themen als drängend gelten, ist dabei perspektiv- und positionsgebunden (vgl. Jung 2015; Steets 2022; Lampe/Bauer/Nowak 2026).
Diese Unterschiede sind für die Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus bedeutsam. Extrem rechte Parteien und Gruppierungen knüpfen häufig an konkrete Konflikte und reale Belastungserfahrungen an: etwa an den Rückbau öffentlicher Infrastruktur, kommunale Ressourcenkonkurrenz oder wahrgenommene politische Nichtbeachtung. Ihre Wirkung entfalten sie häufig dadurch, dass sie vorhandene Probleme vereinfachen, emotionalisieren und mit autoritären, rassistischen oder nationalistischen Deutungsmustern verbinden.
Agnes Sander stellt im Online-Talk Vorabergebnisse der Konfliktanalyse zu Sachsen-Anhalt des Kompetenzzentrums Kommunale Konfliktberatung (K3B) vor. Im Mittelpunkt dieser stehen lokale Spannungsfelder und die Frage, unter welchen sozialen, institutionellen und kommunikativen Bedingungen Konflikte entstehen, unbearbeitet bleiben oder sich zuspitzen. Die Analyse macht sichtbar, wie Erfahrungen mit Bürokratie, kommunalen Verteilungsentscheidungen, überlagerten Krisen und Transformationen sowie der Rückzug in vertraute Gemeinschaften die lokale Konfliktfähigkeit beeinflussen können.
Besonders ist dabei der Blick auf die Beziehungen zwischen Verwaltung, Zivilgesellschaft und Bevölkerung. Konflikte werden nicht vorrangig als Streit um einzelne Sachfragen verstanden, sondern auch als Konflikte um Anerkennung, Transparenz, Beteiligung und Vertrauen in demokratische Verfahren. Dabei wird jedoch keineswegs argumentiert, dass Krisen- oder Benachteiligungserfahrungen natürlicherweise zu rechtsextremen Einstellungen führen. Vielmehr werden mögliche Anschlussstellen für extrem rechte Deutungen sichtbar gemacht. Zugleich weist die Analyse auf eine häufig übersehene Konfliktdynamik hin: Politische Differenzen werden in Vereinen und Dorfgemeinschaften teilweise nicht offen ausgetragen, sondern aus Angst vor Eskalation oder sozialem Zerfall vermieden. Damit geraten nicht nur sichtbare Auseinandersetzungen, sondern auch Schweigen, Rückzug und die Verengung öffentlicher Debatten als Herausforderungen demokratischer Konfliktbearbeitung in den Blick. Dabei richtet die Analyse den Blick besonders auf den ländlichen Raum, in dem die AfD den stärksten Wahlerfolg verzeichnete.
Die laufende Konfliktanalyse des Kompetenzzentrums Kommunale Konfliktberatung (K3B / VfB Salzwedel), basierend auf 36 Expert*inneninterviews in Sachsen-Anhalt, identifiziert fünf zentrale Spannungsfelder im ländlichen Raum:
- Bürokratie als Hindernis für Engagement und Kommunikationsbarriere: Tiefes Unverständnis zwischen starren Verwaltungslogiken und ehrenamtlich Engagierten. Verwaltung nimmt Zivilgesellschaft oft als unstrukturiert wahr, während Engagierte Hürden als ‘mit Absicht errichtet’ empfinden.
- Transformations- und Krisenerfahrungen: Brüche der Nachwendezeit überlagern sich mit aktuellen Krisen (Finanzkrise, Corona, Inflation, Kriege). Es entsteht das Gefühl, vom Staat nicht geschützt, sondern belastet und auch alleine gelassen zu werden.
- Grundsätzliche Zweifel an demokratischen Entscheidungsprozessen: Viele Menschen in Sachsen-Anhalt können politische Entscheidungen nicht ausreichend verstehen und erleben v.a. den Einsatz von Ressourcen als ungerecht. Bspw. infolge der Gemeindegebietsreform von 2010 konkurrieren zusammengelegte Ortschaften in Verbandsgemeinden um knappe Haushaltsmittel (z. B. Sanierung der Feuerwehr vs. Erhalt des Schwimmbads) und können getroffene Entscheidungen nicht nachvollziehen.
- Gemeinschaft als Rückzugs- und Schutzraum: Angesichts globaler Unsicherheiten ziehen sich Menschen in vertraute Bezugsgruppen zurück. Gemeinschaft dient als Schutzraum, führt aber auch zu Abgrenzung und Abwehr von außen.
- Wie können Konflikte rund um gegensätzliche Positionierungen ausgetragen werden? In lokalen Vereinen und Dorfgemeinschaften werden politische Themen gezielt schweigend umgangen, aus Sorge, den sozialen Zusammenhalt vollends zu sprengen. Vielerorts gibt es Erfahrungen, dass Diskussionen – wenn sie angegangen werden – eskalieren.1
Rechtsextreme Einflussnahme als Veränderung lokaler Konfliktdynamiken
Forschung zu rechtspopulistischen und extrem rechten2 Parteien zeigt, dass die lokale Ebene für den Aufbau von Legitimität besonders wichtig ist. Kommunalpolitik gilt vielfach als lebensnah, sachorientiert und weniger ideologisch als die Bundespolitik. Themen wie Verkehr, Sport, Kultur, Sicherheit, Wohnen oder Infrastruktur können daher als Gelegenheitsstrukturen dienen, um sich als vermeintlich pragmatische und bürgernahe Kraft darzustellen (vgl. Paxton/Peace 2021; Favero/Zulianello 2024).
Die auf dem von der ConflictA und dem WiREX-Verbund veranstalteten Fachtag „Wechselwirkungen zwischen der extremen Rechten und kommunalen Konflikten“ diskutierten Erfahrungen weisen auf mehrere wiederkehrende Dynamiken hin:
- Extrem rechte Parteien und Gruppierungen greifen lokale Konflikte auf und verbinden sie mit überregionalen oder bundesweiten Narrativen.
- Sie nutzen soziale Medien, öffentliche Veranstaltungen und kommunale Gremien, um Aufmerksamkeit zu erzeugen und Deutungshoheit zu gewinnen.
- Sie stellen demokratische Institutionen, zivilgesellschaftliche Organisationen und engagierte Einzelpersonen als elitär, parteiisch oder korrupt dar.
- Sie tragen zur Verschärfung von Polarisierungen und zur Ausweitung von Freund-Feind-Schemata bei.
- Sie erhöhen den Druck auf Menschen, die sich öffentlich für Demokratie, Menschenrechte und Vielfalt einsetzen.
Diese Dynamiken verändern das Konfliktgeschehen auch dann, wenn Vertreter*innen der extremen Rechten nicht unmittelbar an einem Konflikt beteiligt sind. Schon die Erwartung von Angriffen kann dazu führen, dass Beteiligte sich zurückziehen. Insbesondere für von Rassismus, Antisemitismus, Homosexuellenfeindlichkeit, Antifeminismus oder anderen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit betroffene Personen und Gruppen können sich öffentliche Räume dadurch erheblich verengen.
Sachsen-Anhalt: politische Verschiebung und Verunsicherung demokratischer Kräfte
Die Wahlergebnisse in Sachsen-Anhalt verweisen auf eine politische Konstellation, in der sich Sorgen um die Zukunft demokratischer Institutionen, öffentlicher Förderstrukturen und zivilgesellschaftlicher Träger verdichten. Das anlässlich der Wahlen publizierte Strategiepapier „The Day After“ erwartet, dass eine AfD-geführte Landesregierung versuchen würde, die Verwaltung zu disziplinieren, demokratische Strukturen zu schwächen und gesellschaftliche Solidarität gezielt zu stören (Begrich et al. 2026). Die emotionale Belastung, die mit solchen politischen Entwicklungen einhergehen kann, beschreibt Dr. Frank Greuel vom Deutschen Jugendinstitut Halle:
„…dass das auch erst mal ein Schlag in die Magengrube ist, dieses Ergebnis und das, ja, dass es auch gemeinschaftliche Formen der Bewältigung dieses Wahlergebnis braucht.“
— Dr. Frank Greul, Deutsches Jugendinstitut Halle
Diese Aussage verweist darauf, dass Wahlergebnisse und politische Verschiebungen nicht nur institutionelle Konsequenzen haben, sondern auch ganz persönlich von Engagierten einer liberalen Zivilgesellschaft erlebt werden. Zudem unterstreicht sie nochmals die Bedeutung von Netzwerken und Zusammenhalt im Bereich des Demokratieengagements.
In einer bundesweite Online-Befragung des Wissensnetzwerks Rechtsextremismusforschung (Wi-REX) wurden 153 Praktiker*innen zur Auswirkung aktueller Wahlen befragt. Die Befragung bezog sich auf den Zeitraum von Oktober 2024 bis Oktober 2025. Berücksichtigt wurden damit unter anderem die Bundestagswahl 2025 sowie die Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg im Herbst 2024. 95 % der Befragten berichteten, dass Wahlen der vergangenen zwölf Monate spürbare Veränderungen für ihre Arbeit mit sich gebracht hätten. 41,0 % nahmen eine abnehmende politische Rückendeckung wahr, 36,0 % verschlechterte finanzielle Rahmenbedingungen. 45,0 % beobachteten eine zunehmende gesellschaftliche Offenheit gegenüber rechtsextremen Positionen, während 36,0 % eine resignative gesellschaftliche Stimmung wahrnahmen. Die Ergebnisse sind nicht repräsentativ. Sie zeigen aber eine wachsende Verunsicherung über politische Rückendeckung, Finanzierungsbedingungen und gesellschaftliche Anerkennung.3
Agnes Sander vom Kompetenzzentrum Kommunale Konfliktberatung beschreibt, wie sich diese politische Verunsicherung auf die Arbeit vor Ort auswirken kann und gibt die Worte einer Bürgermeisterin wieder:
„Frau Sander, jetzt ist irgendwie alles anders, wir müssen alles nochmal anders überlegen. Ich weiß nicht, ob ich mich jetzt noch auf Konfliktberatung konzentrieren kann und überhaupt zu Konflikten arbeiten kann.“
— Agnes Sander, Kompetenzzentrum Kommunale Konfliktberatung, VfB Salzwedel
Die Aussage verdeutlicht ein zentrales Problem: Wenn Verantwortliche in Kommunen und Trägern Ressourcen für Selbstschutz, Krisenkommunikation oder Fördermittelabsicherung aufwenden müssen, fehlen diese Ressourcen möglicherweise für langfristige Konfliktbearbeitung, Beteiligung und Prävention.
Konfliktbearbeitung braucht konkrete Handlungsmöglichkeiten
Das Strategiepapier „The Day After“ (Begrich et al. 2026) spielt durch, was eine rechtsextrem geführte Landesregierung für die demokratische Zivilgesellschaft bedeuten würde. Es unterscheidet Strategien präventiver Resilienz von einer Phase, in der es um „Bleiben, Räume offen halten, Widerstehen“ geht. Viele Empfehlungen lassen sich auf kommunale Konfliktbearbeitung übertragen – mit unterschiedlichen Konsequenzen für externe Konfliktberater*innen, Verwaltungsmitarbeitende und Engagierte vor Ort.
Allparteilichkeit mit Grenzen
Für die professionelle Konfliktbearbeitung entsteht unter diesen Bedingungen ein besonderes Spannungsverhältnis. Viele Ansätze orientieren sich an Allparteilichkeit, Ergebnisoffenheit und dem Anspruch, unterschiedliche Perspektiven ernst zu nehmen. Diese Grundsätze bleiben bedeutsam, ergeben aber nur Sinn, wenn es tatsächlich um die Verhandlung von Interessen vor Ort geht. Werden Konflikte bewusst geschürt, emotionalisiert, und instrumentalisiert, um bestimmte Gruppen oder Personen abzuwerten oder demokratische Institutionen oder Prozesse zu delegitimieren, würde ein Festhalten an den Prinzipien Schaden anrichten. Und Versuche, Themen durch eine Annäherung an solch Dynamiken „zurückzuerobern“, führen nicht selten zu einer weiteren Normalisierung rechtsextremer Konzepte (Begrich et al. 2026).
Externe Konfliktberater*innen und Moderierende
Für externe Konfliktberater*innen beginnt die Vorsorge bereits mit der Auftragsklärung. Zuständigkeiten, Rollen, Ziele und Grenzen des Verfahrens sowie mögliche Eskalationswege sollten vorab geklärt werden – nicht erst, wenn eine Situation bereits zugespitzt ist. Auch der Umgang mit Daten gehört dazu: Teilnahmelisten und Protokolle sollten nur erforderliche Informationen enthalten und sicher verwahrt werden. Schutzkonzepte müssen sowohl die Teilnehmenden als auch die Moderierenden berücksichtigen.
Lokale Konfliktanalysen, wie sie das K3B – Kompetenzzentrum Kommunale Konfliktberatung erstellt, können außerdem dazu beitragen, Veränderungen im kommunalen Umfeld frühzeitig wahrzunehmen. Damit unterstützen sie eine demokratische Frühwarninfrastruktur, die auch den schleichenden Wandel lokaler „Stimmungen und Atmosphären“ erfasst (Begrich et al. 2026).
Beim Fachtag „Wechselwirkungen zwischen der extremen Rechten und kommunalen Konflikten“ wurden folgende Orientierungspunkte für die Konfliktbearbeitung vor Ort zusammengetragen:
- Den Konflikt aus mehreren Perspektiven analysieren: Neben dem sichtbaren Streitgegenstand sollten auch Machtverhältnisse, institutionelle Rahmenbedingungen, Ressourcen, Kommunikationswege, mögliche Bedrohungslagen und überregionale Einflüsse berücksichtigt werden.
- Beteiligte und Risiken sorgfältig einschätzen: Zu klären ist, wer am Verfahren teilnehmen möchte, welche Interessen und Erwartungen die Beteiligten haben und welche Risiken für den Prozess oder einzelne Personen bestehen. Dabei sollte geprüft werden, ob Hinweise auf gezielte Störungen, Einschüchterung oder den missbräuchlichen Umgang mit Informationen vorliegen.
- Rollen, Ziele und Grenzen des Verfahrens klären: Vor Beginn sollte feststehen, wer welche Verantwortung trägt, was mit dem Verfahren erreicht werden soll und welche Fragen innerhalb des Formats bearbeitet werden können – und welche nicht.
- Ein geeignetes Format wählen: Gesprächsrunden, Einzelgespräche oder öffentliche Veranstaltungen bieten unterschiedliche Möglichkeiten und bergen unterschiedliche Risiken. Das Format sollte daher zur Konfliktlage, zu den Beteiligten und zu den Schutzzielen passen.
- Schutz und klare Verfahrensregeln sicherstellen: Verständliche Gesprächsregeln, qualifizierte Moderation, klare Zuständigkeiten und vereinbarte Deeskalationswege helfen, Einschüchterung und Gefährdungen zu begrenzen. Wo nötig, müssen auch das Hausrecht und weitere Schutzmaßnahmen konsequent umgesetzt werden.
- Marginalisierte Perspektiven einbeziehen und schützen: Menschen, die von Diskriminierung oder Bedrohung betroffen sind, sollten sicher und gleichberechtigt teilnehmen können. Dazu können geschützte Gesprächsformate, barrierearme Zugänge und unterstützende Maßnahmen erforderlich sein.
Verwaltung und Kommunalpolitik
Das Strategiepapier „Day after“ erwartet, dass staatliche Institutionen selbst zum Konfliktfeld werden, und rückt Verwaltungsresilienz in den Mittelpunkt: demokratische Ansprechpartner*innen in Behörden, horizontale Netzwerke auf Arbeitsebene und Arbeitsbeziehungen in der kommunalen Selbstverwaltung (Begrich et al. 2026). Für Verwaltungsmitarbeitende heißt das, Hausordnungen, Zuständigkeiten und Szenarien – etwa für Raumvergaben, Anfragen oder Störungen – vor der Krise zu klären. Externe (rechtliche) Konfliktberatung kann sie dabei in Rollenklärung und einem tragfähigen Neutralitätsverständnis begleiten.
Engagierte in Vereinen, Initiativen und Nachbarschaften
Für Engagierte in Sportvereinen, Feuerwehren, Kirchengemeinden, Kulturinitiativen oder Nachbarschaften geht es vor allem darum, eigene Themen zu setzen, statt nur zu reagieren. Demokratie soll über bezahlbares Wohnen, Bildung, Mobilität und öffentliche Infrastruktur „als praktischer Gewinn“ erfahrbar werden (Begrich et al. 2026). Reale Probleme dürfen nicht deshalb ignoriert werden, weil die extreme Rechte sie aufgreift. Öffentliche und soziale Räume – Vereine, Jugendzentren, Kulturorte, Nachbarschaftstreffs – sollten ihr nicht überlassen werden. Bündnisse sollten vor der Krise entstehen, getragen von einem Minimalkonsens über Rechtsstaatlichkeit, Menschenwürde und demokratische Institutionen. Denn wer Anfeindungen erlebt, braucht „gemeinsame Verarbeitung statt Vereinzelung“ (ebd.).
Fazit
Die Wahlergebnisse in Sachsen-Anhalt machen sichtbar, wie eng Rechtsextremismus, lokale Konflikte und demokratische Handlungsfähigkeit miteinander verbunden sind. Extrem rechte Parteien und Gruppierungen greifen reale Konfliktlagen auf, vereinfachen und emotionalisieren sie und verbinden sie mit autoritären oder menschenfeindlichen Deutungsmustern. Zugleich verändern sie durch Delegitimierung, Einschüchterung, strategische Überlastung und öffentliche Skandalisierung die Bedingungen, unter denen Kommunen, Zivilgesellschaft und Konfliktbearbeitung arbeiten. Kommunale Konfliktbearbeitung kann dazu beitragen, Konflikte differenziert zu verstehen, lokale Handlungsfähigkeit zu stärken, Machtasymmetrien sichtbar zu machen und demokratische Aushandlungsräume zu schützen.
Für Projekte auch außerhalb Sachsen-Anhalts bringen Begrich et al. (2026) dies auf die Formel: „Nicht normalisieren, nicht vereinzeln lassen, nicht abhängig bleiben, nicht nur reagieren, sich jetzt vorbereiten.“ Kommunen sind dafür eine zentrale Arena.
Mehr zum Thema gibt es auch in Episode 8 unseres Podcasts:
Fußnoten
- Ende 2026 werden die Ergebnisse in einem Podcast zu hören sein, welcher auf der Homepage K3B – Kompetenzzentrum zu finden ist. Bei Interesse an der Analyse und den Ergebnissen wenden Sie sich gerne an: konfliktberatung@vfb-saw.de ↩︎
- Die Begriffe „Rechtsaußen“ (far right) bzw. „rechtsextrem“ fassen hier, im Anschluss an Anna-Sophie Heinze radikal rechte, also nativistische, autoritäre und illiberale, sowie extrem rechte, antidemokratische Positionen zusammen (Heinze/Off 2026). Die AfD verbindet beides, verknüpft als „Bewegungspartei“ Parteiarbeit mit außerparlamentarischer Mobilisierung (Heinze/Weisskircher 2021) ↩︎
- Weitere Ausführungen dazu finden sich im Kurzbericht, der demnächst erscheint: Im Blick der Praxis: Politische Konfliktlagen, zivilgesellschaftliche Resilienz und Handlungsbedarfe in Sachsen-Anhalt nach der Wahl. Eine qualitative Synthese lokaler Perspektiven und Befunde aus Sachsen-Anhalt im Verhältnis zu Ergebnissen einer bundesweiten Befragung zur Demokratiearbeit. ↩︎
Literatur
August, Vincent / Westphal, Manon (2024): Theorizing democratic conflicts beyond agonism. In: Theory and Society, 53(5), S. 1119–1149.
Begrich, David / Heusinger, Josefine / Kaiyama, Mika / Leistner, Alexander / Maier, Christoph / Quent, Matthias / Radvan, Heike / Schuhmacher, Nils / Virchow, Fabian (2026): The Day After. Strategien für die demokratische Zivilgesellschaft angesichts einer rechtsextremen Landesregierung. Magdeburg: Miteinander e. V., 16.09.2026. https://www.miteinander-ev.de/en/2026/09/16/strategien-fuer-die-zivilgesellschaft-nach-dem-wahlsieg-der-afd/
Dahrendorf, Ralf (1958): Toward a Theory of Social Conflict. In: The Journal of Conflict Resolution, 2(2), S. 170–183.
Deitelhoff, Nicole (2025): Kompromisse als demokratische Konfliktregulierungsstrategie. In: Hellmann, Gunther (Hrsg.): Democratic Vistas / Demokratische Horizonte. Bielefeld: transcript, S. 57–68.
Favero, Alice / Zulianello, Mattia (2024): Building Legitimacy: Why the Populist Radical Right Engages in Grassroots Activism at the Local Level. In: Journal of Contemporary European Studies, 32(4), S. 948–959.
Heinze, Anna-Sophie / Off, Gefjon (2026): Mainstreaming vs. normalisation: Towards more conceptual clarity on how mainstream parties legitimise the far right. In: European Journal of Political Research, First View, S. 1–17. DOI: 10.1017/S1475676526100887.
Heinze, Anna-Sophie / Weisskircher, Manès (2021): No Strong Leaders Needed? AfD Party Organisation Between Collective Leadership, Internal Democracy, and „Movement-Party“ Strategy. In: Politics and Governance, 9(4), S. 263–274. DOI: 10.17645/pag.v9i4.4530.
Jung, Thomas (2015): Die Seinsgebundenheit des Denkens. Karl Mannheim und die Grundlegung einer Denksoziologie. Bielefeld: transcript.
Lampe, Dirk / Bauer, Isabella / Nowak, Anna Christina (2026): Gesellschaftliche Konflikte „im Blick“. Perspektiven von Gesellschaft und Praxis im Vergleich – Teil 1: Konfliktwahrnehmungen. IE
Paxton, Fred / Peace, Timothy (2021): Window Dressing? The Mainstreaming Strategy of the Rassemblement National in Power in French Local Government. In: Government and Opposition, 56(3), S. 545–562.
Steets, Silke (2022): Die Wirklichkeit gesellschaftlicher Konstruktionen. In: Delitz, Heike / Müller, Jan / Seyfert, Robert (Hrsg.): Handbuch Theorien der Soziologie. Wiesbaden: Springer VS.
Quellenverweis zu unveröffentlichem Material:
- Zitate von Agnes Sander und Dr. Frank Greuel: Online-Talk von ConflictA und WiREX „Sachsen-Anhalt nach der Wahl. Was bedeuten die Ergebnisse für Konfliktbearbeitung vor Ort?“, eigene Dokumentation, unveröffentlichtes Material.
- Bundesweite Befragung von Praktiker*innen der Demokratiearbeit (Wissensnetzwerk Rechtsextremismusforschung – WiREX, N = 150): unveröffentlichte Auswertung.
- Dokumentation Fachtag „Wechselwirkungen zwischen der extremen Rechten und kommunalen Konflikten“, Universität Bielefeld, 18.–19. März 2026.
Mitwirkende & Rollen:
- Konzeption und Erstellung des Manuskripts: Isabella Bauer
- Redaktion und Lektorat: Denis van de Wetering, Marje Trescher, Felicitas Wagner
- Organisation und Durchführung des Online-Talks: Isabella Bauer und Dirk Lampe
- Fachliche Beiträge / Expertise: Frank Greuel (Deutsches Jugendinstitut), Agnes Sander (Kompetenzzentrum Kommunale Konfliktberatung), Teilnehmehmer*innen des Fachtags „Wechselwirkung zwischen der extremen Rechten und kommunalen Konflikten“
